Archive für Juli 2008

Einer dieser Tage

Ich fürchte, es ist wieder einer dieser Tage. Montagmorgen, Team-Meeting in wenigen Minuten, und hier im Büro ist die Hölle los. Gutenberg - richtig, der Erfinder des Buchdrucks – sitzt mir gegenüber und erzählt irgendetwas von beweglichen Drucklettern. Keine Frage, ich mag Gutenberg, aber im Augenblick nervt er. Ich bitte ihn, sich mit der Druckvorstufe zusammen zu setzen, um denen seine Ideen zu präsentieren. Scheint’s, als sei er nun beleidigt und schiebt ab. 

Fast rennt er Gott um, den es zur Bürotür hereindrängt. Hätte Gott doch kommen sehen müssen, oder? Wird auch immer älter und langsam ein wenig fahrig und vergesslich, der Gute. Im Unternehmen wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, er trinke. Allerdings glaube ich, Gott ahnt, dass über ihn geredet wird. Gott hat Probleme mit der Schöpfung, ein Job aus seiner Jungend. Zugegeben eine epochale Arbeit. Und das weiß er wohl auch – denn er redet den ganzen Tag von nichts Anderem. Was noch schlimmer ist: er fängt keine neuen Aufträge an. Wie erklär’ ich das bloß dem Vorstand? Unaufgefordert setzt es sich auf die Ecke meines Schreibtisches und beginnt, ebenso unaufgefordert, mit der Darlegung seiner Probleme. Ich höre gar nicht hin. 

Bin in Gedanken schon bei meiner Besprechung mit Mutter Theresa über das Für und Wider von Patientenverfügungen unter Berücksichtigung der besonderen Umstände von HIV-positiven Hängebauchmeerschweinchen nördlich der Sahel-Zone, da klingelt das Telefon. Mussolini ruft an. Seit ihn seine Landsleute aufgehängt haben nutzt er für seine Kommunikation schamlos und ausschließlich R-Gespräche aus der Hölle. Ich muss die nicht mehr vertretbaren Kosten unbedingt einmal bei der dortigen Geschäftsleitung zur Sprache bringen – nur nicht jetzt! Mutter Theresa wartet. 

Was mach ich nur mit Mussolini? Ja sicher: mit Hitler verbinden. Der sitzt seit April 1945 zwar nur eine Zelle neben Mussolini, hat aber verschärftes Besuchsverbot, und darüber hinaus keinerlei Beschäftigung. Leiden mag ihn offenbar niemand. Darüber hinaus riecht er nicht besonders gut, genau genommen sogar ein wenig streng. Ursprünglich als Redenschreiber eingestellt, stellte sich schnell sein völliges Unvermögen in diesem Bereich, er nennt ihn seine “göttliche Berufung”, heraus. Selbst als Synchronsprecher taugt der Österreicher nicht. Irgendeine, mir nicht bekannte Quotenregelung hält diesen Mann in Lohn und Brot auf seinem Posten. Ich wähle die 88 auf dem Telefon, der Unselige nimmt ab und fragt mit schnarrender Stimme: “Erkennen Sie meine Stimme, Schramm?”. Wenn er doch bloß sein dummes und völlig unzeitgemäßes Führergehabe unterließe! 

Plötzlich knallt es. Gott ist von der Schreibtischkante abgerutscht, und hart mit dem Schädel in meine Sammlung von Beuys-Blumentöpfen eingeschlagen. Die kann ich wohl abschreiben. Und das Gerücht um seine Alkoholsucht scheint sich zu verfestigen. “Adi, Telefon!” Während ich den Hörer weglege, höre ich noch Hitler mit herrische Stimme postulieren: “Das bedeutet Krieg! Um 5:45 Uhr wird nun zurück geschossen!” Man, hat der Probleme. 

Ich sehe über meinen Schreibtisch auf den Boden, wo sich Gott langsam wieder aufrappelt. Eine Verletzung an der rechten Schläfe blutet sehr stark. Trotzdem hört er nicht auf, mit murmelnder Stimme seine Schöpfungsprobleme dazulegen. Meine Schläfen pochen und mein Nacken verspannt sich. Laut gestikulierend stolpern Ghandi und Dschinkiskan in das Zimmer. Letzterer befürchtet wohl, so entnehme ich es zumindest seinen aufgeregten Ausführungen, die Freundschaft von Stalin verloren zu haben. Eigene Schuld. Alle haben ihn vor diesem unzuverlässigen Typen gewarnt. 

Warum sich Ghandi so ereifert, weiß ich nicht. Vielleicht hat er gegen die Jungs von Ghostbusters einmal mehr beim Pokern verloren? Heftig keifend und fortwährend seinen Kopf schüttelnd, wirft er unablässig mit Salz um sich. 

Aus dem Augenwinkel erkenne ich Albert Einstein und Stephen Hawking. Mensch, die habe ich total vergessen. Noch bevor ich heute Morgen ins Büro kam, saßen die beiden schon hier und diskutierten angestrengt über Quantenmechanik. Jetzt hat Hawking Alberts Kopf genommen und schlägt ihn in einem rhythmischen Stakkato auf den vor ihm stehenden Glastisch. Gar kein schlechter Beat! Sollte die Kreativen aus dem Musikstudio im Keller informieren. 

Das Klopfen in meinen Schläfen wird stärker! Nimm’ doch mal einer Ghandi das verdammte Salz weg! Der Lärm eines auf dem Vorplatz landenden Hubschraubers schwillt an. Wird wohl der Rest der Geschäftsführung sein, der aus dem Wochenende kommt, so glaube ich. 

Falsch, wie sich wenige Augenblicke später herausstellt. Es ist der amerikanische Präsident in Begleitung zwei seiner Amtsvorgänger und einiger Pornodarsteller aus der Homosexuellen-Szene, die angeregt plaudernd, Arm in Arm mit dem Papst den Weg zu den Büros herunter schlendern. Dabei treten sie abwechselnd die Lieblingshandtasche von Condoleezza Rice vor sich her. 

Wahrscheinlich haben wir nicht ausreichend Prosecco im Hause, befürchte ich. Ghandi ist dazu übergegangen, sein Salz im Takt zu Einsteins auf den Tisch krachenden Kopf um sich zu werfen, und auch Gott steht schon wieder fast senkrecht. Sein Gesicht ist Blut überströmt, hat aber wohl endlich das Problem mit der Schöpfung gelöst, und will einfach noch einmal von Vorne anfangen. 

Jetzt aber Tempo! Mutter Theresa wartet schon seit einigen Minuten. An der Bürotür laufen zwei Polizisten mit einer, die Arme in Handschellen auf den Rücken gefesselten Alice Schwarzer vorbei. Alice sieht mich im Vorbeigehen kurz an. Sie ist sehr ernst, ihre Lippen sind blass und fest zusammen gekniffen. Vermutlich ist sie wieder beim Zuckerklauen in der Kantine erwischt worden. 

Die Lautsprecherdurchsage verkündet von der Betriebsratsversammlung am heutigen Nachmittag und fordert gleichzeitig den Notarzt Dr. Lector auf, sich dringend in der Betriebsküche einzufinden, wo ein explodierender Topf mit Linsensuppe wohl einige Küchenmitarbeit sehr unappetitlich erst in Mitleidenschaft, dann ins Jenseits katapultiert hat, als Hitler - in Strapsen und kniehohen, roten Lacklederstiefeln - auf dem Rücken von Saddam Hussein reitend, plötzlich und unerwartet im Raum steht. Er ist euphorisch, seine faltigen Wangen glühen, weil er vor wenigen Minuten wem auch immer den Krieg erklärt hat, beschwört den Aufzug eines neuen Zeitalters, das mindestens für tausend Jahre Bestand habe, schwafelt etwas von “Wunderwaffeln”, und bekräftigt seine unerschütterliche Absicht, jetzt sofort, rücksichtslos und unerbittlich mit Eva Braun einen Stammhalter zu zeugen, um den Fortbestand der deutschen Rasse zu sichern. Gott, wirf doch endlich diesen Irren hier raus!! 

Vor meinem Büro wird es wieder laut. Weibliche Pfadfinder sind damit beschäftigt, einigen Neonazis kräftig den Arsch zu versohlen. Hobbies gibt es! Das wird Hitler sicherlich nicht gerne sehen. Noch bluten die Nazis nicht ganz so stark wie Gott, aber der Tag ist ja noch jung. Auf alle Fälle ein schönes Bild! Unbedingt merken; könnten wir in die laufende Werbekampagne für Damenhygiene-Artikel als TV-Spot einfließen lassen – und ich mache mir eine Aktennotiz. 

Mittlerweile habe ich höllische Kopfschmerzen. Der Schädel dröhnt. Mir schwindet das Bild vor den Augen. Kurz halte ich inne und stelle fest, dass es überhaupt nicht mein Kopf ist, der da dröhnt. Vielmehr ist es Stephen, der immer noch mit vehementer Wucht und anhaltendem Takt Alberts zwischenzeitlich bewusstlosen Schädel auf die Tischplatte trümmert. Gleichzeit wundere ich mich über die Kraft, welche in diesem angeblich gelähmten Rollstuhlfahrer steckt. 

Während ich noch überlege, ob ein derartiger Umgang für eine Gruppentherapie von Wachkomapatienten in unserem Affenhaus taugen mag, öffnet sich ein weiteres Mal die Bürotür. Durch die Schleier vor meinen Augen realisiere ich, dass es sich um die Oberschwester handelt, meine stündliche Ration Psychopharmaka auf einem kleinen, silbernen Tablett vor sich her balancierend. Sie widmet mir ein beruhigendes Lächeln, und obendrein erhalte ich fünf jener blauen, fast Haselnuss großen Pillen. 

Oh bitte, schenkt mir endlich Vergessen!